Sneakers + Jeans zum Bewerbungsgespräch: Darum habe ich meinen Hosenanzug eingestampft

Ist der Dresscode zum Bewerbungsgespräch eine Frage der Branche? Warum du ihn auch einmal branchenunabhängig hinterfragen und dessen Bedeutung für deine Job-Auswahl abwägen solltest, erfährst du hier.

Als mein Vater mich mit 17 auf meine ersten Bewerbungsgespräche vorbereitete, gab er mir zahlreiche Tipps, auf die ich bis heute dankbar zurückgreife – bis auf einen: Bei der Wahl meiner Kleidung ticke ich mittlerweile ganz anders.

Erfolgsformel: Schwarz-Schwarz-Rot

Schwarzer Hosenanzug, schwarze Pumps und rotes Top – für lange Zeit mein Standard-Outfit zum Vorstellungsgespräch. Rot als Signalfarbe sollte ein Ausrufezeichen hinter meinen Namen setzen und ich meinem Gesprächspartner in Erinnerung bleiben. Die Erfolgsquote sprach für sich – doch sicherlich weniger allein wegen meiner Kleidung, sondern vielmehr auch, weil diese Kleidungsstücke mein damaliges Wohlfühl-Outfit für Bewerbungsgespräche bildeten.

Ein Bachelor-Studium inklusive zweier Bewerbungen als Werkstudentin und einer zum praktischen Studiensemester später, entschied ich mich, einen Master-Abschluss dranzuhängen: Mit einem zusätzlichen Praktikum wollte ich nicht nur mein Wissen erweitern, sondern vor allem mein WG-Zimmer finanzieren. Also raus mit den Bewerbungen …

Ganz ohne Pumps: Aus Motivationstief zum Erfolg

Ich hatte drei bis vier Einladungen zu einem persönlichen Gespräch erhalten. In das Foyer des letzten Unternehmens, schlurfte ich zwar noch mit rotem Top und Blazer. Die Anzughose und Pumps tauschte ich allerdings gegen eine schwarze Jeans und ein Paar verranzte Schnürstiefel. Der Grund: Die Bedingungen der vorigen potentiellen Arbeitgeber waren einfach niederschmetternd. Warum sollte es dort also anders sein und ich mich unbequemerweise noch ein weiteres Mal in High Heels durch die Gänge quälen?

Halb Business- halb Casual-Look beantwortete ich also – auf alle Dreistigkeiten gefasst – ganz entspannt alles, was man von mir wissen wollte. Zu meiner Überraschung bekam ich daraufhin ein Angebot, dass mich nicht lange zögern ließ – ganz ohne Pumps. Wer hätte das gedacht? Ich bis zu dem Zeitpunkt sicherlich am wenigsten.

Arbeite nur dort, wo du dich in deiner Haut wohlfühlst

Mit Beginn der Masterthesis in einer anderen Stadt begann die Jobsuche von Neuem. Trotz meines vorigen Erfolges im Halb-Halb-Look verfiel ich in mein altes Muster: Hosenanzug, Pumps, Top. „Wagemutig“ wechselte ich bei letzterem jetzt sogar auch mal auf Gelb – rückblickend nicht so der Kracher. So oder so war ich es Leid. In den Unternehmen, in denen dieser Dresscode offensichtlich gern gesehen war, fühlte ich mich nicht wohl. Die Gespräche verliefen kühl, gekünstelt, steif. Dort zu arbeiten, konnte ich meist schon währenddessen ausschließen. Ich gehörte dort nicht hin.

„Dort fühlte ich mich wohl, dort wollte ich arbeiten. Dort fühlte ich mich wohl, dort merkte man mir das an. Dort fühlte ich mich wohl, dort bat man mich zu arbeiten.“

Stattdessen fühlte ich mich stets genau da gut aufgehoben, wo ich ebenso offensichtlich overdressed erschien. Einem lässigen Kleidungsstil ohne irgendein zwingendes Branchen-Muss begegnete ich mit großer Sympathie und regelrecht erleichternder Freude. Dort fühlte ich mich wohl, dort wollte ich arbeiten. Dort fühlte ich mich wohl, dort merkte man mir das an. Dort fühlte ich mich wohl, dort bat man mich zu arbeiten.

Kein Geld der Welt kann dein Wohlgefühl ersetzen

Tatsächlich brauchte es noch zwei weitere Bewerbungsphasen, bis mir endlich klar wurde, dass der strenge Business-Dresscode nichts für mich ist und wahrscheinlich auch nie werden wird. An dem entscheidenden Punkt wurde ich nach einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch mit einer Luxushotel-Gruppe für einen Tag und eine Nacht zum Reinschnuppern in das Hotel geladen, welches die mögliche Arbeitsstelle für mich bereithielt. Ich war von dem Ambiente angetan – allerdings nur als Gast.

Ich sah die Angestellten – vom Service- bis zum Management-Personal – in ihren schicken Roben, piekfein und ohne jeden Makel ein und ausgehen. Je öfter ich mir vorstellte, dass ich es ihnen künftig Tag für Tag gleichtun sollte, desto sicherer wurde ich mir: Ich gehörte dort nicht hin. Trotz eines lukrativen Angebots teilte ich meiner potentiellen Vorgesetzten mit, dass der Job für mich leider nicht infrage kommt.

Nur noch Sneakers und Jeans zum Bewerbungsgespräch

Heute trage ich nur noch Sneakers und Jeans zum Bewerbungsgespräch – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Natürlich kommen die Treter dann geradewegs und strahlend weiß aus der Waschmaschine – aber ich trage sie und darum geht’s. In den Herbst- und Wintermonaten machen es auch ein Paar bequeme Boots. Anstelle eines gewöhnlichen Shirts kombiniere ich dazu ein etwas feineres Oberteil und einen bequemen Jersey-Blazer. Zurückhaltender Schmuck, dezente Nägel, leichtes Make-up – mehr braucht es nicht für einen sportlich-eleganten Look. So vermittle ich meinem Gegenüber Wertschätzung, während ich immer noch ich selbst bleibe. Dass ich mich in meiner Haut wohlfühle, wird auch dem Personaler nicht entgehen.

„Wenn mein Kleidungsstil einem Unternehmen nicht passt, dann passt das Unternehmen auch nicht zu mir.“

Wenn mein Kleidungsstil einem Unternehmen nicht passt, dann passt das Unternehmen auch nicht zu mir. Ganz einfach. Schließlich kann gute Arbeit nicht an reinen Äußerlichkeiten gemessen werden. Um zu erkennen, an wen man geraten ist, muss man meist nur ein paar Blicke deuten oder um eine kleine Führung durch die Räumlichkeiten bitten.

Ausnahme: Frisch von der Uni oder Hochschule

Natürlich sollst auch du als frischer Uni- oder Hochschulabsolvent nicht jeden x-beliebigen Job annehmen und Dresscodes hinterfragen. Allerdings rate ich dir, nicht in jedem Fall mit Turnschuhen auf das Bewerbungsparkett zu treten, denn: Du brauchst zunächst einmal Berufspraxis fernab von Praktika. Sobald du davon ein, zwei Jahre vorweisen kannst, sieht die Sache schon anders. Bis dahin solltest du, den Ball aber flach halten. Dass heißt nicht unbedingt, dass du im Anzug auflaufen musst. Poche aber auch nicht zu sehr auf deinen Lifestyle.

Auch alles Geld der Welt und jegliche Annehmlichkeiten können nicht alles wettmachen. Angesichts der Zeit, die man auf der Arbeit verbringt, sollte man sich dort nicht nur beim Bewerbungsgespräch wohlfühlen. Bevor du einen Job annimmst: Frag dich stets selbst, ob du ihn mit all seinen Gegebenheiten wirklich jeden Tag ausüben und dabei immer noch du selbst sein könntest. Denn Letzteres solltest du dir – bei allem materiellen Gegenwert, der dich hier und da mitunter zu verführen versucht – stets bewahren.

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