An alle, die auf die Kontakt-Beschränkungen nichts geben: Ich schäme mich für euch

Wir wissen bisher nur, dass wir noch nie besser wussten, was wir nicht wissen – außer ihr. Ihr, die ihr im Kampf gegen das Coronavirus die Kontakt-Beschränkungen missachtet, nichts auf sie gebt. Ihr habt gar nichts verstanden.

Wir wissen nichts über das Coronavirus. Wir wissen zum aktuellen Zeitpunkt weder, was genau es mit unserem Körper macht, noch ob gesundete Patienten tatsächlich Antikörper bilden und zumindest für eine gewisse Zeit immun gegen das Virus sind. Wir wissen nicht, ob es Spätfolgen oder Langzeitschäden mit sich bringt und schon gar nicht welche. All diese Unwissenheit schreit nach Vorsicht und Bedacht. Und trotzdem seid ihr nicht in der Lage, die von der Bundesregierung angeordneten Kontakt-Beschränkungen einzuhalten. Nicht einmal der Schutz von Gesundheit und Leben jeder älteren Person und im Übrigen auch jeder Personen jeden Alters mit einer Vorerkrankung – die wir zumindest als Risikogruppe enger fassen können – ist für euch Grund genug, eure eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen.

Wie wichtig muss das Osterfest sein, …

… dass man sich mit Zähneknirschen gerade noch so dazu durchringen kann, seine gesamte Verwandtschaft dieses Jahr eben nicht traditionell an einem Tisch zu versammeln? Nicht, weil einem selbst einleuchtet, dass es unverantwortlich wäre. Sondern, weil der gesellschaftliche Druck und die Disziplin im eigenen Dunstkreis zu diesem Zeitpunkt zwar zerbrechlich, aber immer noch zu hoch ist, als es dennoch zu wagen.

… dass man nur eine Woche später die Quarantäne-Ermüdung der Menschen als seine Chance nutzt, um mit vier Generationen aus vier unterschiedlichen Haushalten und zwei Bundesländern ein „kleines Ostern“ auf engstem Raum nachzufeiern – inklusive einem Ü80-Rentner, einem Kleinkind und einer schwangeren Person?

… dass sich sogar Mediziner – die als systemrelevante Berufsgruppe derzeit nicht nur besonders gefragt, sondern auch höchst gefährdet sind – schon kurz nach den Feiertagen Kinder und Enkel ins eigene Haus holen – darunter weitere sogenannte Akademiker?

Wie groß muss die Sehnsucht nach Familienmitgliedern sein, dass man deren und auch die eigene Gesundheit für einen Besuch aufs Spiel setzt und schlimmstenfalls den Tod dafür in Kauf nimmt? So viel Distanz ist auf Dauer nicht gut für eure Familie? Wenn eure Familienbande, diese Ausnahmesituation nicht für ein paar Wochen oder auch Monate aushalten können, dann stand es möglicherweise auch schon vor Corona nicht besonders um euren familiären Zusammenhalt, kann das sein? Wie die Krise zeigt:

Es gibt andere Mittel und Wege, sich Nähe – wenn auch fernab der körperlichen – zu bewahren.

Wenn man denn nur will.

Wie wichtig oder rund muss ein Geburtstag sein, …

… dass man seine Ü55-Mutter – die als Pflegekraft nicht nur selbst gefährdet ist, sondern aufgrund ihrer Tätigkeit auch im besonderen Maße zur Gefahr werden kann – an ihrem Ehrentag über einen längeren Zeitraum in deren vier Wänden besucht, obwohl man selbst derzeit ohnehin schon zwischen zwei Bundesländern pendelt?

… dass man an der großen Party für den 70. Geburtstag seines Partners im Juli – mit zahlreichen Gästen im ebenfalls besten Alter – weiterhin verbissen festhält?

… als dass man die feierliche Zusammenkunft nicht auch verschieben könnte? Und bei allem Respekt vor jedem Geburtstagskind und seinen Gästen:

Wer nicht mehr ist, kann übrigens gar nicht mehr feiern.

Ich mein‘ ja nur.

Wie wichtig muss die „Liebe“ oder das Vergnügen sein, …

… dass man sich inmitten der Pandemie auf ein Tinder-Date mit einem wildfremden Menschen verabredet? Geht aber noch besser: Etwa wenn man selbst dabei gerade erst aus Südostasien eingetrudelt ist.

… dass sich in einem Einpersonenhaushalt zur generell gut gedachten Quarantäne-Balkon-Party plötzlich vier Menschen die „Tanzfläche“ teilen?

… dass kein Wochenende vergehen darf, an dem man mit der angereisten Verwandtschaft samt Kleinkinder kein Grillerchen im Garten veranstaltet?

… dass man das Fußballspiel mit seinen Jungs kurzerhand im Balkon-reichen Innenhof wiederaufleben lässt? Gut, schließlich sieht euch da ja keiner.

Kontakt-Beschränkungen missachtet: Warum bringt ihr das alles in Gefahr?

Wenn ihr eure Verwandtschaft und Freunde, die gemeinsamen Feste, die „Liebe“ und das Vergnügen so sehr liebt: Warum bringt ihr das alles in Gefahr?

Auch wenn ihr für euch als Einzelpersonen beschlossen habt, dass das Coronavirus euch nichts anhaben kann – weil ihr vielleicht jünger seid als andere und glaubt, bei vollster Gesundheit zu sein oder naiverweise davon überzeugt seid, dass es nur die anderen trifft – gefährdet ihr mit eurem rücksichtslosen Verhalten trotzdem uns alle und alles, was uns lieb ist!

Wie egoistisch seid ihr also? Könnt ihr auch verzichten? Für andere?

Für solche, die nicht zu euren Familien gehören? Nicht mal zu eurem näheren Umfeld? Für Fremde? Kriegt ihr das hin?

Bedenkt: Hinter jedem Fremden steckt immer auch eine Geschichte und Fremde können euch ganz schnell näher sein, als ihr euch umgucken könnt. Wenn sie eines schönen Tages nicht direkt euren Lebensweg kreuzen, dann vielleicht den eurer Eltern oder Kinder und Enkel. Sie könnten sich vergnügen, zusammen Feste feiern oder sogar einander lieben und selbst eine Familie gründen. So könnte es sein. Wissen wir nicht. Reine Spekulation. Werden wir aber auch nie erfahren, wenn es diese Menschen nicht mehr gibt. Wo keiner ist, kann sich auch niemand begegnen. Dann begegnen sich halt andere? Gott – oder wer auch immer – bewahre, dass sich jemals Individuen zusammentun, die einen solchen Gedanken nicht sofort wieder verwerfen.

Müssen sich erst vor euch höchstpersönlich Leichen stapeln?

Aber warum überhaupt so eine Welle und diese Rede vom Tod? „Bei uns ist es doch nicht so schlimm“, „Die Intensivstationen sind doch leer“. Müssen sich erst vor euch höchstpersönlich Leichen stapeln, damit ihr den Ernst der Lage begreift? Nein, stimmt. Es müssen schon die eurer Lieben sein, damit der Groschen endlich fällt. Reicht es nicht, dass unsere Bundeskanzlerin mehrfach mit deutlichen Worten warnt: „Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen“ (20.04.), „Jetzt ist ein ganz sensibler Moment“ (21.04.), „(…) dieser Zwischenerfolg ist zerbrechlich, wir bewegen uns auf dünnstem Eis“ (23.04.)?

Wenn ihr auf die Worte von Politikern nichts gebt, dann lauscht den Virologen und Epidemiologen oder bemüht zur Abwechslung einfach mal euer eigenes Hirn in der Hoffnung, dass ihr dann zu dem logischen Schluss kommt: Wenn wir über etwas wie das Coronavirus so wenig wissen, müssen wir ihm erst recht mit äußerster Vorsicht begegnen!

Schon einmal daran gedacht, dass die leeren Betten in den Krankenhäusern denen zu verdanken sind, die sich bisher an die Kontakt-Beschränkungen gehalten haben? Und wir sitzen verdammt nochmal nicht seit Wochen in unseren Wohnungen und Häusern, damit ihr munter alles so handhaben könnt wie eh und je. Sondern weil wir uns im Gegensatz zu euch unserer Verantwortung gegenüber den Generationen unserer Großeltern sowie Eltern, Kinder und Kindeskinder bewusst sind und deren Chancen nicht einfach so respektlos verspielen. Nichts weiter tut ihr, ihr spielt. Mit Existenzen und dem nackten Leben.

Wenn ihr euch immer noch nicht schämt: Ich schäme mich für euch.

Ich schäme mich für euch vor denen, die in diesen Tagen um ihre Gesundheit oder die ihrer Lieben bangen und vor jenen, die dabei versuchen, Schlimmeres zu verhindern. Vor all denjenigen, deren Lebenswerke infolge des Lockdown dahinsiechen und für die auch weiterhin kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen sein wird, wenn ihr so weitermacht. Vor denen, die ihre Verwandten seit Wochen und Monaten aus Vernunft nicht besuchen, die kleine und auch große mühevoll geplante Feierlichkeiten ganz entschieden abgesagt haben.

Ich schäme mich für euch vor allen, denen die Bedeutung der Kontakt-Beschränkungen sowie die weitreichenden Folgen bei Missachtung in vollem Umfang nach wie vor bewusst sind und die entsprechend Solidarität leben.

>>> Aktuelle „Regeln, Einschränkungen, Lockerungen“ im Überblick (bundesregierung.de, Stand 7. Mai 2020)

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