Sechs beeindruckende Persönlichkeiten mit teils zutiefst bewegenden Schicksalen folgen in „Himmel über dem Camino“ inmitten der malerischen Landschaft Frankreichs und Spaniens gemeinsam dem Jakobsweg. Warum der Dokumentarfilm seinem Slogan „Der Jakobsweg ist Leben“ absolut gerecht wird und wie dich die Doku bereichern kann, verrate ich dir hier.
Am 29. Juli 2021 startet „Himmel über dem Camino – Der Jakobsweg ist Leben“ mit Corona-bedingter Verzögerung in den deutschen Kinos. Der 2019 produzierte Dokumentarfilm begleitet sechs völlig unterschiedliche Charaktere aus Neuseeland und Australien auf deren Pilgerweg vom französischen Saint-Jean-Pied-de-Port ins 800 Kilometer entfernte spanische Santiago de Compostela. Die historische Wallfahrt mit Ursprung im 9. Jahrhundert wird jährlich von über einer Viertelmillion Pilger begangen – deren Beweggründe und Hoffnungen sind dabei ebenso unterschiedlich wie die Personen selbst.
„Sie suchen nach etwas in ihrem Leben, eine Art Scheideweg. Einige kommen her, weil sie eine persönliche Krise erleben und mentale Hilfe suchen, sie durchzustehen. Ich glaube, dass die Erfahrung, den Jakobsweg zu gehen, uns die Kraft zum Weitermachen gibt.“
– Father Manny C Domino Jr. SDB in „Himmel über dem Camino“
Sechs Charaktere, sechs Schicksaale, ein Weg

Für ihren Dokumentarfilm „Himmel über dem Camino“ hefteten sich die neuseeländischen Filmemacher Noel Smyth, Fergus Grady und Phoebe Curran auf dem Jakobsweg an die Fersen von Julie Zarifeh, Sue Morris, Mark Thomson, Terry, Claude Tranchant und Cheryl Stone. Mit den sechs Protagonisten im Alter von 50 bis 72 Jahren trafen auf der herausfordernden Reise zu Fuß zum Teil sich stark voneinander unterscheidende Persönlichkeiten aufeinander. So kommt es zwar in den 42 Tagen auf dem Camino schon einmal zu kleineren Meinungsverschiedenheiten, doch zumeist sieht jeder der Gruppe helfenden Händen entgegen. Die sechs Pilger finden ineinander allesamt zähe Weggefährten mit äußerst starkem Willen, die einander sowohl in den physisch als auch psychisch besonders fordernden Etappen ebenso stützen können.
„Dir kommt so viel Freundlichkeit entgegen, so viel Freundschaft und Kameradschaft.“
– Sue Morris (70) in „Himmel über dem Camino“
Zwischen Freude und Leid – „Der Jakobsweg ist Leben“

Bei allem Halt durch die pilgernden Mitstreiter liegen Freude und Leid kaum so nah beieinander wie auf dem Jakobsweg. Und so dauert es nicht lange, bis sich das Wechselbad der Gefühle ebenfalls auf mich als Zuschauer überträgt. Gerade noch schwere Verluste mitgefühlt, freut man sich im nächsten Moment zu sehen, dass das Leben auf dem Camino ebenso diejenigen, die gerade eine Zeit unsäglichen Schmerzes durchlaufen, auch wieder Freude und Genuss erfahren lässt.
Und es mag zunächst paradox oder gar makaber klingen, doch auch im Kampf mit sich selbst und mit ihrem Schicksal haben die Protagonisten ihren Humor nicht verloren – um nun andere Gefühle zu kaschieren oder nicht, sei einmal dahingestellt. Dieses willkommene Gegengewicht zur entlang des Weges getragenen Trauer und Sinnfrage wird nur zu gut in den entsprechenden Filmsequenzen selbstironisch musikalisch untermalt.
„Nachdem ich zum ersten Mal den Jakobsweg gegangen bin, habe ich den Leuten gesagt, dass es beinhart gewesen ist, aber das Leichteste, was ich je getan hatte. Es hat mein Leben verändert.“
– Terry (69) in „Himmel über dem Camino“
Zudem greifen die Filmemacher für den Dokumentarfilm zu einem Stilmittel, dass – zumindest für mein Empfinden – gerade in der heutigen, zunehmend an zwischenmenschlichen Werten verlierenden Zeit deutlich häufiger Verwendung finden dürfte: Filmsequenzen, die unverkennbar größten Kummer zeigen, werden nicht durch zusätzliche Komponenten fernab der visuellen verwaschen. Stattdessen bündeln das Bewegtbild und der dazugehörige Originalton die ganze Kraft einer emotionsgeladenen Momentaufnahme, die nicht wie meist üblich zu einem erträglichen Maß gekürzt, sondern darüber hinaus „ausgehalten“ wird – keine zusätzliche musikalische Untermalung oder erklärende Erzählstimme aus dem Off. Pures (Über)Leben.
„Was mich durchhalten lässt, sind die vielen neuen Bekanntschaften, die man macht.“
– Julie Zarifeh (54) in „Himmel über dem Camino“
Inmitten der blühenden Natur selbst über sich hinauswachsen
Kaum ein anderer Weg lässt wohl so intensiv auf die Schönheit der Natur und somit allen Lebens blicken wie der Camino. Den Filmemachern Smyth, Grady und Curran ist es zumindest erfolgreich gelungen, diesen Eindruck zu erwecken: Zwischen den abwechselnd beleuchteten Schicksalen der Protagonisten finden beeindruckende Bilder der meist nahezu unberührten Landschaften entlang des Jakobswegs ausreichend Raum, um eindringlich auf den Zuschauer zu wirken.
Doch bei aller Sehenswürdigkeit, die auf dem Camino sicherlich ihren Teil zum ersehnten Seelenfrieden beiträgt, geht es doch zuallererst um die Suche nach ebendiesem: dem Frieden mit dem Widerfahrenen und mit sich selbst. Auf ihrem Weg dorthin wachsen die sechs Protagonisten in „Himmel über dem Camino“ nicht nur körperlich, sondern ebenso mental über sich hinaus. Vor allem aber sind es – wie auch fernab des Jakobswegs – Begegnungen, welche die Menschen am vermeintlichen Ende ihrer Kräfte immer wieder stärken und zum Durchhalten bewegen. Eine entscheidende Erkenntnis des Dokumentarfilms, die ich im Hinblick darauf an dieser Stelle einmal vorwegnehmen möchte: Das in Kauf nehmen von Irrwegen führt schließlich zum erhofften Ziel.
„Wir alle haben die ganze Zeit Hochs und Tiefs, es ist anstrengend, bergauf zu gehen. Aber einen Schritt nach dem nächsten und du erreichst dein Ziel. […] Der Jakobsweg ist wie das Leben.“
– Claude Tranchant (72) in „Himmel über dem Camino”
„Himmel über dem Camino“ – Trailer zum Film
Wenn du vorhast, den Jakobsweg zu laufen, bietet dir „Himmel über dem Camino“ einen motivierenden ersten Eindruck dazu, was dich auf dem Pilgerweg in etwa erwarten könnte: die Möglichkeit zur (Rück)Besinnung auf das, was dir in deinem Leben wirklich wichtig ist und die Chance auf innere Heilung. Denn „Gehen ist des Menschen beste Medizin“, lehrte schon Hippokrates, der entsprechend zu Beginn des Dokumentarfilms zitiert wird.
Der Dokumentarfilm „Himmel über dem Camino – Der Jakobsweg ist leben“ läuft ab 29. Juli 2021 im Kino.
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